Pflegenotstand – Ursache, Ausblick und Lösungen

Pflegenotstand – Ursache, Ausblick und Lösungen

Pflegenotstand
Der Pflegenotstand – was steckt eigentlich dahinter und warum ist Deutschland davon betroffen?

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Der Pflegenotstand ist einer der größten Herausforderungen unserer Generation. Die Nachfrage nach Pflegedienstleistung und somit nach Pflegekräften steigt stetig, das Angebot an Pflegekräften zieht hingegen nur langsam nach. Dadurch wird die bereits bestehende Versorgungslücke immer größer. In Zahlen ausgedrückt – ab 2030 kommt auf jede tätige Pflegekraft eine unbesetzte Stelle in der Pflege. Mit den derzeitigen Ausbildungsquoten im Pflegebereich wird Deutschland alternative Wege und Strategien finden müssen, um den Pflegenotstand zu lösen. Im folgenden Artikel wird auf die Ursachen, die aktuellen Zahlen und Lösungsansätze näher eingegangen.

Definition – Was bedeutet Pflegenotstand?

Der Begriff Pflegenotstand ist in den Medien allgengewärtig und spätestens seit der Corona Pandemie auch Branchenfremden bekannt. Pflegenotstand beschreibt den Versorgungsengpass der Alten- und Krankenpflege, der insbesondere durch einen Pflegekräftemangel gekennzeichnet ist.

Oft wird die Frage diskutiert, wie es zum Pflegenotstand kam und welche Einflussfaktoren die aktuelle Situation weiter verschärfen. Im Folgenden gehen wir dieser Frage auf den Grund.

Pflegenotstands: Ursachen und Treiber

Die Treiber des Pflegenotstands, die zur Verschärfung der aktuellen Lage in der Pflegebranche führen, sind folgende:

Ursachen Pflegenotstand

Der demographische Wandel und die immer älter werdende Gesellschaft wirken in dreifacher Weise negativ auf den Pflegenotstand

Allgemein gilt: Die Deutschen werden immer älter. Das führt dazu, dass Pflegebedürftige immer länger gepflegt werden müssen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass immer mehr Deutsche in das Alter kommen, in dem die Wahrscheinlichkeit steigt, pflegebedürftig zu werden. Schließlich führt der demographische Wandel dazu, dass die geburtenstarken Jahrgänge bis 2030 in Rente gehen und somit dem Markt als Pflegekräfte nicht mehr zur Verfügung stehen und gegebenenfalls selbst in diesem Zeitraum zu Pflegebedürftigen werden. Insbesondere die Altersstruktur unter den aktuell tätigen Pflegefachkräften bereitet Sorgen, denn nur ca. 25% der Pflegekräfte sind unter 35 Jahre. Der größte Anteil (rund 40%) der Pflegekräfte sind 50 Jahre alt oder älter. Statistiken der Pflegeberufekammer zeigen, dass nur sehr wenige Pflegekräfte im Alter über 60 Jahren in ihrem Beruf tätig bleiben. Daraus schließt die Pflegeberufekammer, dass ca. 40 % der Pflegekräfte in den kommenden 10-12 Jahren in den Ruhestand gehen. Diesem Trend sind eigentlich alle Pflegeberufsgruppen ausgesetzt. Am stärksten betroffen sind die Intensivstationen (ITS). Hier stellte das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) fest, dass der überwiegende Teil der Intensiv-Pflegekräfte spätestens im Alter von 50 Jahren aufgrund der hohen physischen wie psychischen Belastung aufhören oder zumindest die Abteilung wechseln.

Schlechte Arbeitsbedingungen – wenig attraktiv für junge Auszubildende und ein Grund für die Abwanderung von hochqualifizierten Pflegefachkräften in andere Branchen  

Schlechte Arbeitsbedingungen werden oft mit dem Pflegekräftemangel gleichgesetzt. Durch den Pflegekräftemangel in Deutschland sehen sich viele Pflegeeinrichtungen und Kliniken mit der Situation konfrontiert, dass wenn eine Pflegekraft das Team verlässt, diese offene Stelle über 6 Monate unbesetzt bleibt. Die anfallende Arbeit wird nun auf weniger Schultern verteilt und das verfügbare Personal muss am maximalen Limit / Auslastung arbeiten – und dies oft über mehrere Monate. Diese über mehrere Monate andauernde Ausnahmesituation hinterlässt Spuren beim Pflegepersonal, entsprechend hoch ist der Krankenstand in der Branche. Der durch mehr Belastung hervorgerufene Krankenstand wirkt sich wie in einem Teufelskreis verschärfend auf die aktuelle Krise aus.

Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen oft schlecht sind. Der Stress ist groß, die psychischen und körperlichen Anforderungen durch die Arbeit am Patienten und immer wieder wechselnden Schichtdiensten enorm. Es mangelt oft an Wertschätzung von Patienten, Kollegen, Einrichtung und Gesellschaft, was ein zentrales Anliegen vieler Pflegekräfte und auch eine Kernforderung für die Zeit nach Corona in Deutschland ist. Das Aufrechterhalten der Motivation des Pflegepersonals ist bei den aktuellen Problemen in der Branche schwierig bis nahezu unmöglich und führt häufig dazu, dass Pflegkräfte sich nach Tätigkeiten in anderen Branchen umschauen und bereits nach einigen Jahren den Beruf wechseln. Diese Abwanderung von gut ausgebildeten und erfahrenen Pflegefachkräften hat ebenfalls katastrophale Wirkungen auf den Pflegenotstand.

So fand das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heraus, dass sich nach zehn Jahren nur noch 37 Prozent der Altenpfleger in ihrem ursprünglichen Job befinden. Viele kündigen freiwillig und suchen sich eine Tätigkeit in anderen Branchen.

Gehälter in der Pflegebranche beeinflussen den Pflegenotstand

Das Gehalt ist bekannt als einer der Faktoren, mit denen man versucht in anderen Branchen strapaziöse Arbeitsbedingungen zu kompensieren, wie z.B. bei Fluglotsen. Die aktuellen Gehälter in der Pflegebranche sind trotz der harten und anspruchsvollen Arbeitsbedingungen oft nicht gut genug und haben entsprechend viel Verbesserungspotential.

Im Durschnitt bekommen ausgebildete Altenpflegerinnen in Vollzeit 2.621 Euro brutto monatlich und 31.450 € Brutto im Jahr. Ausgebildete Krankenpfleger hingegen verdienen im Durchschnitt ca. 3.180 Euro brutto im Monat.

Die Pflegkräfte nutzten Corona-Krise um auf sich, die desolaten Arbeits- und Vergütungsverhältnisse sowie ihre Systemrelevanz aufmerksam zu machen und riefen Initiative ins Leben, in der sie ein Gehalt in Höhe von 4.000€ Brutto / Monat forderten. Hier der Link zur bundesweiten Initiative: change.org. Auch Gesundheitspolitiker fordern eine Aufwertung des Berufs und insbesondere eine bessere Bezahlung. Schon lange wird über einen Tarifvertrag für die Pflegebranche diskutiert und im Mai – Juni 2020 soll dieser nun endlich kommen, versprach Familienministerin Giffey im April 2020.

Leasingkräfte verstärken den Negativtrend – dieser Meinung sind Krankenhäuser, Pflegeheime, Pflegedienste und Politik.

Eines der Themen, bei denen sich die verschiedenen Parteien in der Pflege- und Gesundheitsbranche einig sind, ist, dass Leasingkräfte (auch bekannt als Zeit- oder Leiharbeiter) einer der Treiber des Pflegenotstands sind. Es besteht Einigkeit unter den verschiedenen Parteien, dass Leasingkräfte nur zum Ausgleich von Spitzenkapazitätsauslastungen eingesetzt werden sollen. Es werden aber auch immer wieder Stimmen laut, die ein Verbot dieser Beschäftigungsform für die Gesundheits- und Pflegebranche fordern und dabei auf Unterstützung und Zustimmung aus der Politik zählen können.

Die Probleme, die durch Leasingkräfte für die Branche hervorgerufen werden, sind folgende:  Zum einen drücken die hohen Kosten für Leiharbeiterfirmen auf die geringen Margen der Pflegedienste und Pflegeeinrichtungen. Viel schlimmer jedoch sind die Auswirkungen für die festangestellten Ärzte und Pflegekräfte. Zum einen sind Leasingkräfte oftmals nicht eingearbeitet in die Prozesse, verdienen ein Vielfaches von dem, was das festangestellte Pflegepersonal verdient und haben bessere Arbeitszeiten und können Schichtdienst ausschließen. Zum anderen führen die Vorteile der Leasingkraft zu einer hohen Frustration bei den festangestellten Pflegekräfte, die zum einen die schlechteren Gehälter erhalten, die Schichtdienste leisten, die Leasingkräfte neben der sowieso anfallenden Arbeit noch in die spezifischen Prozesse einarbeiten und die liegengebliebene Arbeit der Leasingkräfte auffangen müssen. Ein Gefühl der „Unfairness“ und des Ungleichgewichts macht sich breit und treibt viele Pflegekräfte in den Leiharbeitermarkt oder ganz aus der Branche.

Angehörige beenden Pflegetätigkeit

185.000 der 1,7 Millionen Angehörige stehen kurz davor aufgrund der körperlichen und mentalen Belastung ihre Pflegetätigkeit vollständig einzustellen. Auch gibt es immer weniger Angehörige, die die Pflege ihrer Verwandten übernehmen können. Oft leben die Kinder weit weg und sind beruflich stark eingebunden, sodass es ohne professionelle Hilfe nicht geht. Selbst wenn die Zahl der Pflegebedürftigen gleichbliebe, würde mit der sinkenden Zahl pflegender Angehöriger automatisch der Bedarf an ambulanter und stationärer Pflege wachsen – und damit der Bedarf an Fachkräften.

Trend zur stationären Pflege

Des Weiteren ist aktuell ein Trend von der ambulanten Pflege hin zur stationären Pflege zu beobachten. In der ambulanten Pflege kommt eine Pflegekraft auf 2,06 Pflegebedürftige. In der stationären Pflege ist das Verhältnis fast 1 zu 1. Durch diesen Trend werden nochmals mehr Pflegefachkräfte in naher Zukunft benötigt.

Aktuelle Situation – Pflegenotstand

Pflegekräftemangel 2019, 2020 und 2030

Aktuell haben wir 1,4 Millionen Pflegekräfte, die für ca. 3,7 Millionen Pflegebedürftige sorgen. Die Personallücke beläuft sich in 2019 auf ca. 120.000 Pflegekräfte. Aktuell erreichen die überwiegende Zahl der Kliniken in Deutschland den Personalerfüllungsgrad der Pflegepersonalregelung (PPR) nicht. Der Arbeitsagentur sind davon 40.000 offene Stellen gemeldet. Die geringe Zahl erklärt sich durch den hohen bürokratischen Aufwand in der Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur und den  geringen Erfolgsaussichten Pflegekräfte über die Arbeitsagentur zu finden. So kamen Studien bei der Analyse des tatsächlichen Personalbedarfs auf eine Zahl von mindestens 120.000 Pflegekräften. Die Grundlage zur Bemessung des Personalmangels von 120.000 Pflegefachkräften berücksichtigt aktuell geltende Personalbemessungsregelungen (PPR) und Personaluntergrenzen. Ab 2021 ist die Einführung der Pflegepersonalregelung 2.0 oder auch der „Soll-ist-Voll-Rechner“, der von Verdi entwickelt wurde, geplant, um tatsächlich belastbare Zahlen zu ermitteln. Es wird angenommen, das mit diesen Personalbemessungsinstrumenten der aktuelle Bedarf bereits um 40.000 – 80.000 Pflegekräften höher liegen dürfte.

Ausblick – Pflegenotstand

Bis 2030 wird die Zahl der Pflegekräfte trotz der bisher gesteigerten Ausbildungszahlen nicht die Zahl der ausscheidenden Pflegkräfte auffangen können. Es wird ein Rückgang in Höhe von ca. 40.000 Pflegefachkräfte erwartet. Im Gegensatz dazu wird jedoch die Zahl der Pflegebedürftigen aufgrund des demographischen Wandels steigen, erwartet werden rund 4.600.000 Pflegebedürftige in 2030. Noch extremer ist der Ausblick ins Jahr 2050. Zu diesem Zeitpunkt wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen verdoppelt haben, die Nachfrage nach Pflegekräften sich verdreifachen.

Diese Situation wird eine Personallücke von 350.000 bis 500.000 Pflegekräften in 2030 verursachen. Diese Zahl wurde übereinstimmend durch das DIW und die Bertelsmannstiftung Studie ermittelt. Das bedeutet, dass aktuell rund fünf Pflegekräfte die Arbeit einer Pflegestelle auffangen, die nicht besetzt werden kann. In 2030 müsste dann eine einzige Pflegekraft die zusätzlich anfallende Arbeit einer unbesetzten Stelle auffangen.

Die Zahlen zeigen aber auch, dass sich die Finanzierung eines solchen Gesundheits- und Pflegesystems auf immer weniger Schultern verteilen wird. Um einen finanziellen Zusammenbruch des Gesundheitssytems zu vermeiden, müssen in Zukunft Vorschläge erarbeitet werden, die zum einen finanzierbar und nachhaltig sind, sodass nicht nur die aktuelle, sondern auch zukünftige Generationen profitieren können.

Blick ins Ausland

Richtet man den Blick ins europäische Ausland, bemerkt man schnell, dass in unseren Nachbarländern ähnlich dramatische Zustände herrschen. Die folgende Tabelle zeichnet ein grobes Bild der Situation im Ausland:

Pflegekräftemangel im Ausland

Niederlande

In Relation Einwohnerzahl zu Pflegekräftemangel sind die Niederlande im Vergleich zu Deutschland einem ähnlichen Pflegekräftemangel ausgesetzt – 37.000 offene Pflegestellen – aber gelten dennoch in der Pflege als Vorbild. Hier gibt es insbesondere Positivbeispiele, wie es über die Nachbarschaftshilfe gelingt, häusliche Pflege hoher Qualität und einem breiten gesellschaftlichen Engagement zu gewährleisten oder Krankenhauspatienten in der Nachversorgung in sogenannten Pflegehotels („Zorghotels“) zu versorgen.

Frankreich

Auch hier herrscht bereits ein enormer Mangel an Pflegepersonal mit aktuell ca. 153.000 zu besetzenden Stellen in der Pflege. Im Gegensatz zu Deutschland ist in den kommenden 10-15 Jahren aber nicht mit einer vergleichbaren Verschlechterung des Pflegekräftemangels zu rechnen, da in Frankreich von demographischen Gesichtspunkten eine deutlich entspanntere Situation vorliegt. Die Geburtenrate bei unseren französischen Nachbarn liegt bei 1,9 Kindern pro Frau im Vergleich zu 1,5 Kindern pro Frau in Deutschland.

UK

In England, Schottland, Wales und Nordirland fehlen offiziellen Quellen zufolge ca. 44.000 Pflegekräfte. Diese Zahl ist allerdings vor dem Brexit ermittelt worden. Der Austritt aus der europäischen Union und darüber hinaus die Tatsache, dass die zukünftige Partnerschaft mit der EU und in diesen Zusammenhang auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit aktuell noch verhandelt werden, birgt viel Unsicherheit. Für europäische Pflegekräfte ist es unklar, ob sie in naher Zukunft noch in Großbritannien ihre Pflegeberufe ausüben dürfen. Dadurch fehlt es an Planungssicherheit bei den stationären Folgeeinrichtungen und Kliniken, sodass schnell alternative Wege zur Rekrutierung von Pflegepersonal aus Drittstaaten verfolgt werden müssen, um das marode Gesundheitssystem der NHS am Leben zu halten. Es lassen sich also aktuell keine belastbaren Zahlen des Pflegekräftemangels für Großbritannien ermitteln, allerdings kann davon ausgegangen werden, dass diese über den offiziellen 44.000 offenen Stellen liegen dürften.

Schweiz

Die Schweiz sieht sich einem ähnlichen demographischen Wandel wie Deutschland konfrontiert. Die Pflegefachkraft ist auch hier die Nummer 1 unter den meist benötigten Berufsgruppen. Dramatisch ist dabei die rasante Entwicklung der vergangenen Jahre. So hat sich in den vergangenen vier Jahren der Bedarf verdoppelt und auch für die kommenden Jahre wird erwartet, dass sich der Trend eher noch weiter verschärfen wird. Denn in der Schweiz ist die Zahl der Aussteiger mit rund 45% besonders hoch. So wechselt fast jede zweite Pflegekraft innerhalb von 10 Jahren den Beruf oder die Branche. Auch mithilfe der Migration von ausländischen Pflegekräften. Die zum überwiegenden Teil aus Deutschland (34,7%) und Frankreich (36,9%) stammt, lässt sich der drohende Pflegenotstand kaum Aufhalten.

Österreich

Neben der Finanzierung der Pflege ist der Pflegekräftemangel das größte Problem in den kommenden Jahrzehnten in Österreich. Wie auch Deutschland ist man in Österreich davon überzeugt die Attraktivität der Pflegeberufe erhöhen zu müssen. Neben der Steigerung der Gehälter sieht man die psychologische Betreuung und Begleitung der Arbeitskräfte, berufsbegleitende Ausbildung und die Höherqualifizierung als die Hauptstellschrauben zur Lösung des Personalmangels an.

Lösungsversuche bzw. Maßnahmen gegen den Pflegenotstand

Die Zahlen und Trends des Pflegenotstands sind erschreckend. Um dem Pflegenotstand entgegen zu wirken sind nun engagiertes Handeln der Entscheidungsträger und geeignete Strategien der Politik gefragt.

In 2019 hat die Bundesregierung zusammen mit Interessenvertretern, Verbänden und Entscheidungsträgern aus der Gesundheits- und Pflegebranche fünf Handlungsfelder definiert, um gegen den Pflegenotstand vorzugehen:

Lösung Pflegekräftemangel Konzertierte Aktion Pflege
  1. Beschäftigungschancen verbessern durch Ermöglichung von Umschulung.
  2. Erwerbsbeteiligung erhöhen durch Verbesserung der Work Life Balance & Weiterbildung.
  3. Verlängerung der Arbeitszeiten durch Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitstellen.
  4. Investition und Weiterbildung in das Bildungssystem, um die Ausbildungszahlen zu erhöhen.
  5. Gezielte Zuwanderung von Pflegekräften aus dem Ausland, besonders aus Ländern, die über einen Überschuss an Pflegekräften verfügen (ausschließlich Drittstaaten, also nicht-EU Länder) bzw. eine staatliche Kooperationsvereinbarung besteht.

Alle genannten Handlungsfelder ziehen darauf ab die Anzahl der Erwerbstätigen in der Pflege zu erhöhen und somit im Allgemeinen die Situation, den Pflegenotstand, und im Spezifischem die Arbeitsbedingungen der Gesundheits- und Krankenpfleger zu verbessern.

Durch die Konzertierte Aktion Pflege (KAP) hat die Bundesregierung im Juni 2019 zusammen mit einem Konsortium, bestehend aus Arbeitgebern, Krankenkassen, Arbeitnehmervertretern, Experten und Verbänden aus dem Gesundheitswesen bzw. der Pflegebranche, ein Konzept zur Bekämpfung der Missstände in der Pflege und dem Pflegenotstand vorgestellt. Die Ergebnisse sind als Lösungsvorschläge der folgenden drei Bundesministerien bzw. Staatsminister zu verstehen: Bundesministerium für Gesundheit unter der Leitung von Jens Spahn, Bundesministerium für Arbeit unter der Leitung von Hubertus Heil und Bundesministerium für Familie unter der Leitung von Dr. Franziska Giffey.

Konzertierte Aktion Pflege - Lösung der Pflegekrise

Das Konzept ist in drei direkte und zwei indirekte Maßnahmenkategorien unterteilt. Direkte Lösungen für den Pflegenotstand sind die Bereiche Personal, Geld und Ausbildung. Es soll mehr Personal in der Pflege angestellt werden. Dies soll durch die Erleichterung der Gewinnung und Integration von Pflegekräften aus dem Ausland, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und verbindliche Regeln zur Besetzung von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern erzielt werden. Es soll auch mehr Geld in Pflegepersonal investiert werden. Dies soll durch die Verbesserung des Gehalts in der Pflege und Einführung eines Mindestlohns und Tarifvertrag erfolgen. Zusätzlich soll die finanzielle Ausstattung der Pflegeversicherung verbessert werden. Es soll auch die Anzahl der Auszubildenden angehoben werden. Mit Investitionen in die Bildung sollen die Ausbildungszahlen um min. 10% bis 2023 zu erhöhen

Indirekte Lösung gegen den Pflegenotstand und zur Verbesserung der allgemeinen Situation sind die Ausweitung des Verantwortungsbereich von Pflegekräften und Digitalisierung der Prozesse.

Jens Spahn ist sich jedoch sicher, dass die Situation in der Pflege durch die KAP bessert und sagt: „Pflege muss wieder attraktiver werden. Das geht nur mit mehr Personal. Denn das entlastet nicht nur die einzelne Pflegekraft, sondern lässt auch mehr Zeit für die Betreuung der Pflegebedürftigen. Die Beschlüsse der Konzertierten Aktion sind ein Auftrag an alle Beteiligten. Und sie sind ein Versprechen an alle Pflegekräfte: Wir werden weiter dafür kämpfen, dass die Situation in der Pflege besser wird.“

Kritik an der Konzertierte Aktion Pflege

Allgemein wird die Konzertierte Aktion Pflege von den verschiedenen Stakeholdern aus der Gesundheits- und Pflegebranche kritisch gesehen, weil sie ein klarer Kompromiss der unterschiedlichen Interessenvertretern ist und in dieser Form nicht ausreicht. Außerdem stellt das Konzept weitestgehend nur eine Absichtserklärung dar und keine verbindlichen Vereinbarungen. Grundlegende Fragen wie z.B. Umsetzung und die Finanzierung bleiben ungeklärt.

Zusätzlich zu den öffentlichen Maßnahmen gegen den Pflegenotstand gibt es zahlreiche weitere private Maßnahmen. Das Ökosystem der privaten Maßnahmen kann in vier Bereiche gegliedert werden:

  1. Leiharbeiterfirmen – adressieren den Pflegenotstand mit inländischen Mitteln, lösen dabei aber nicht die Treiber des Problems.
  2. Eigeninitiativen von Einrichtungen und Stiftungen umfassen z.B. Erprobung neuer Arbeitsmodelle und Anwerbung bzw. Ausbildung von Pflegekräften aus dem Ausland.
  3. Personalvermittler rekrutieren Pflegekräfte aus dem Ausland.
  4. Innovative Organisationen wie beispielsweise Buurtzorg versuchen mit besonderen Ansätzen Arbeitnehmerfreundlichkeit und Effizienz zu steigern.

Fünf weitere Vorschläge zur Lösung des Pflegenotstands

Die wohl naheliegendste Lösung ist den Pflegejob attraktiver zu gestalten durch bessere Gehälter, Arbeitsbedingungen und durch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Dennoch werden alternative Lösungsideen von Politik und verschiedenen Entscheidungsträgern aus der Gesundheits- und Pflegebranche diskutiert. Der Vollständigkeit halber und um das Thema aus den unterschiedlichen Perspektiven zu besprechen, haben wir uns fünf diskutierte alternative Ideen zur Lösung des Pflegenotstands ausgesucht und stellen diese im Folgenden vor. An dieser Stelle sollte betont werden, dass dies keine Lösungsvorschläge von Careloop sind oder in irgendeiner Weise von Careloop unterstützt werden.

1. Pflegeleistungen direkt im Ausland beziehen

Anstelle der Rekrutierung von ausländischen Pflegekräften zu fördern, wie es die Konstituierte Aktion Pflege tut, denken laut Apotheken Umschau immer mehr Deutsche darüber nach, sich direkt im Ausland pflegen zu lassen. Die Gründe sind zum einen der Mangel an Pflegekräften bzw. Mangel an freien Plätzen in stationären Pflegeeinrichtungen wie ambulanten Pflegediensten und die dadurch resultierenden langen Wartezeiten auf die benötigte Versorgung. Zum anderen spielt das Thema der Finanzierung eine wichtige Rolle für eine Vielzahl von Pflegebedürftigen. Pflegeeinrichtungen und -dienstleistungen im Ausland sind oft um ein Vielfaches günstiger als in Deutschland.

2. Hartz-IV-Empfänger für die Pflegearbeit einsetzen

Dieser Vorschlag ist bekannt und aktuell, aber auch umstritten. Der Landkreis Mittelsachsen möchte in naher Zukunft diesen Lösungsansatz in der Praxis umsetzen und Langzeitarbeitslose in der Pflege einsetzen. Hierfür bedarf es allerdings zunächst Gesetzesänderungen, bevor die Umsetzung erfolgen kann. Umstritten ist der Vorschlag aus vielen Gründern aber insbesondere, da es sich um fachfremde Arbeitskräfte handelt, die weder die Qualifikation noch Weiterbildungen oder Umschulungen absolviert haben und somit nicht die hohe benötigte Qualität der Pflegetätigkeit gewährleisten können.

3. Akademische Ausbildung

Im Ausland gibt es häufig akademisch ausgebildete Pflegekräfte, die im Pflegealltag mehr Aufgaben übernehmen können. Immer häufiger kommt nun die Forderung auf, dass Deutschland sich an dem internationalen Standard orientieren und aufschließen sollte. Durch das dadurch größere Aufgabenspektrum und Verantwortungsbereich bieten sich für die Pflegekräfte bessere Karrierechancen. Durch die Übernahme von ärztlichen Tätigkeiten werden zudem Ärzte entlastet. Dadurch wird der Job der Pflegekraft noch verantwortungsvoller und bietet weitere Argumente für eine bessere Bezahlung. Ein großer Befürworter und Unterstützer dieser Strategie ist unter anderem die Robert Bosch Stiftung.

4. Technologischen Fortschritt in der Pflege einsetzen

Die Themen Digitalisierung und Technologisierung werden immer wieder erwähnt in Diskussionen, wie man den Pflegenotstand lösen und wie die Pflege in Deutschland auf ein nächstes Qualitätslevel gehoben werden könnte. Hierbei geht es weniger darum, den Menschen durch einen Roboter als Pflegekraft zu ersetzen, sondern vielmehr die Pflegekraft durch Computer und Roboter zu unterstützen, sodass mehr Zeit am Patienten und in den Austausch mit dem Pflegebedürftigen investiert werden kann. Bei einem flächendeckenden Einsatz von Pflegerobotern, technologischen Innovationen und der Digitalisierung könnte somit einer Personallücke von bis zu 50.000 Pflegekräften entgegengewirkt werden. Ziel ist es, durch neueste Technik und Digitalisierung Arbeitsprozesse zu vereinfachen und zu verkürzen bis hin zur Abgabe von einfachsten Aufgaben an Robotern, die nicht am Patienten, sondern für den Patienten ausgeführt werden.   

5. Weiterbildungsmöglichkeiten für Hilfskräfte fördern

Im Gegensatz zu examinierten Pflegekräfte gibt es derzeit eine Vielzahl von Pflegehilfskräften. Hier sollte der Staat das vorhandene Potential der Pflegehilfskräfte nutzen und Pflegehilfskräften bei der Weiterbildung zur Pflegefachkraft unterstützen. Diesen Hilfskräften eine Karriereperspektive zu geben, steigert zum einen die Motivation der Hilfskräfte selbst, zum anderen profitieren auch die Pflegefachkräfte im Team, da die Arbeit und Verantwortung so auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Schließlich erleichtert es auch den Pflegeeinrichtungen den Pflegeschlüssel zu erreichen und die Versorgung der Pflegebedürftigen zu gewährleisten.